Therapie: Transthyretin-Amyloidose mit Polyneuropathie (ATTR-PN)

Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen bei einer Transthyretin-Amyloidose (ATTR-PN) zur Verfügung?  

Die Transthyretin-Amyloidose ist eine seltene Erbkrankheit, die durch Eiweißablagerungen verursacht wird. Bei dem betreffenden Eiweiß handelt es sich um Transthyretin, welches eigentlich eine Transportfunktion im Körper erfüllt. Bei der ATTR-PN kommt es zu strukturellen Veränderungen von Transthyretin. Die Folge: Krankmachende Ablagerungen in Form von sogenannten Amyloidfibrillen. Diese Amyloidfibrillen reichern sich in verschiedenen Geweben an und sorgen dort für Funktionsstörungen. Daher weist die Transthyretin-Amyloidose zahlreiche und vielfältige Symptome auf. Aus diesem Grund ist für den Arzt nicht immer ersichtlich, dass diese seltene Erkrankung vorliegt. Es können daher Jahre vergehen, bis die Diagnose gestellt wird. 

Wenn sich der Verdacht auf eine ATTR-PN bestätigt, kann die Behandlung eingeleitet werden:

  • Dafür stehen in Deutschland drei Arzneimittel zur Verfügung, welche das Fortschreiten der Erkrankung verzögern können.

Mehr Informationen:

Die drei verfügbaren medikamentösen Therapien bei ATTR-PN haben ein gemeinsames Ziel: Das Verhindern der Bildung von Amyloidfibrillen (Anhäufung der fehlgefalteten Transthyretin-Eiweiße in den betroffenen Geweben). Trotz des gemeinsamen Therapieziels, unterscheiden sich die drei Arzneimittel in ihrem Wirkprinzip untereinander. 

  1. Ein Wirkstoff wirkt als spezifischer Transthyretin-Eiweiß-Stabilisator. Er bindet an bestimmte Stellen von dem noch funktionalen Transthyretin-Eiweiß und verhindert so die Aufspaltung in die Einzel-Eiweiße, die bei ATTR-PN eigentlich verklumpen und infolgedessen die schädlichen Eiweißablagerungen bilden. 
     
  2. Ein anderer Wirkstoff wirkt nicht auf Eiweiß- sondern auf Genebene, also noch bevor das Transthyretin-Eiweiß gebildet wird. Er macht sich das Prinzip der sogenannten RNA-Interferenz zunutze, die ein natürlicher zellulärer Prozess darstellt und in der Lage ist, Boten-RNA (mRNA) abzubauen. Wie der Name schon sagt, transportiert eine mRNA die Erbinformationen für die Herstellung des entsprechenden Eiweißes. Fehlt die mRNA, kann das entsprechende Eiweiß nicht produziert werden. Der Wirkstoff imitiert den Prozess der RNA-Interferenz für die Transthyretin-mRNA und sorgt somit für ihren Abbau. Auf diese Weise kann das Transthyretin-Eiweiß erst gar nicht hergestellt werden. 
     
  3. Das dritte verfügbare Arzneimittel entfaltet seine Wirkung ebenfalls auf der Transthyretin-Genebene und verhindert, dass das Transthyretin-Eiweiß hergestellt wird. Allerdings wird hier nicht das Prinzip der RNA-Interferenz angewendet, sondern das der sogenannten Antisense-Technologie. Der Wirkstoff stellt ein komplementär passendes Stück der Transthyretin-mRNA dar und kann auf diese Weise gezielt die mRNA binden. Dieser entstandene Wirkstoff-mRNA-Komplex wird von einem bestimmten Eiweiß in der Zelle (Ribonuklease H1) erkannt, abgebaut und so die Produktion des fehlerhaften Eiweißes Transthyretin unterbunden.

  • Wichtig: Bereits bestehende Symptome der Transthyretin-Amyloidose können nicht rückgängig gemacht werden. Die medikamentöse Behandlung kann außerdem mit Nebenwirkungen einhergehen, die jedoch nicht bei jedem Patienten auftreten.
     
  • Die Produktion des Eiweißes Transthyretin findet hauptsächlich in der Leber statt. Eine Behandlungsmöglichkeit der Erkrankung besteht deshalb darin, die Leber zu entfernen und durch eine Spenderleber zu ersetzen. Die erste Lebertransplantation zur Behandlung der Transthyretin-Amyloidose wurde im Jahr 1990 durchgeführt. Bis Dezember 2011 hatten weltweit bereits 2000 Patienten mit dieser seltenen Erkrankung eine Lebertransplantation erhalten.

 

Abbildung 6: Auswirkungen einer Lebertransplantation.

 

Mit dem Fortschreiten der Transthyretin-Amyloidose sind Betroffene zunehmend auf
die Hilfe unterschiedlicher medizinischer Fachkräfte angewiesen. Denn die Beschwerden können unterschiedliche Organe und Gewebe betreffen, wie z. B. das Herz, die Augen oder die Verdauungsorgane. 
Aus diesem Grund sind die Kenntnisse verschiedener Fachärzte gefragt, wie z. B. die des: 

  • Urologen (Blase)
  • Kardiologen (Herz)
  • Nephrologen (Nieren)
  • Ophthalmologen (Augenarzt)
  • Oder Gastroenterologen (Magen/Darm) 

Die Therapien bei der Transthyretin-Amyloidose haben immer ein gemeinsames Ziel: Die Lebensqualität des Patienten zu bewahren oder zu verbessern. Sie dienen daher der Schmerzlinderung, der Unterstützung der Bewegungsfähigkeit oder der Erhaltung der betroffenen Organfunktion.

 


Abbildung 7: Es gibt verschiedene Behandlungsformen, die Patienten mit Transthyretin-Amyloidose helfen können, ihre Alltagsaktivitäten beizubehalten.

Quellen

  • Benson MD et al. Muscle Nerve. 2007; 36: 411-423.
  • Adams D. Ther Adv Neurol Disord. 2013; 6: 129-139.
  • Coelho T et al. Neurology. 2012; 79: 785-792.
  • Benson MD. Muscle Nerve. 2013; 47: 157-162.
  • Familial World Transplant Registry. (http://www.fapwtr.org/about_dltr.htm. Zugriff: Oktober 2018).
  • Waddington Cruz M, Benson MD. Neurol Ther. 2015;4(2):61-79.
  • Suhr OB, Coelho T, Buades J, et al. Orphanet J Rare Dis. 2015;10:109. Published 2015 Sep 4. doi:10.1186/s13023-015-0326-6
  • Keam SJ. Drugs. 2018 Sep;78(13):1371-1376.